ADHS-Diagnostik
Diese Gegenüberstellung möchte ich gern allgemein halten. Es gibt reale Personen dazu. Um die geht es aber gar nicht. Es geht um Möglichkeiten.
Oft geht es bei Spätdiagnosen um verpasste Chancen, um die tiefe Traurigkeit deswegen. Ja, das ist ein großes Thema! Und dennoch lassen sich diese verpassten Möglichkeiten nicht zurückholen.
Wenn ich sage, es geht nicht um bestimmte Personen, bin trotzdem eine davon ich. Da ich nun 53 Jahre alt bin und seit Januar 2026 Medikamente nehme, bin ich logischerweise die Spätdiagnostizierte.
Vor meiner Diagnose habe ich mich gewundert, wie Menschen etwas finden konnten, das ihnen Spaß macht, sie wirklich erfüllt. Ich habe gestrickt, gehäkelt, genäht, gebacken, fermentiert und so einiges andere. Habe mich jeweils mit genügend und gutem Material eingedeckt. Manches hat gut geklappt, an manchem bin ich gescheitert. Bei allem hat irgendwann der Reiz nachgelassen, oder ehrlicher gesagt, etwas neues war reizvoller. Vieles davon greife ich immer wieder auf. Das ist dann auch kein Problem – ich habe ja alles da!
Meine größte Verwunderung besteht aber darüber, wie Menschen Berufe ausüben können. Seit Jahren, für Jahre. Wie sie sich dabei nicht langweilen, nicht überfordert fühlen, nicht genervt fühlen, wie sie gerne zur Arbeit gehen können.
Ein Argument mag sein, dass jeder sein Leben finanzieren muss. Aber das darf ja auch Spaß machen. Nur wie?
Dann kommt ein frühdiagnostizierter Mensch. Sagt mir, dass man so viel schaffen kann, wenn man früh genug damit anfängt, das viele Jahre übt. Egal wie körperlich hart das ist – und hier ist tatsächlich die körperliche Arbeit gemeint. Man kann das schaffen, man muss nur wollen und dran bleiben.
Der Mensch, für den ich gekämpft habe, den ich verteidigt habe, weil er eben nicht so konnte, wie andere in seinem jungen Leben. Der vor die gleichen Herausforderungen gestellt wurde wie alle anderen.
Diesem Menschen ging es in den letzten 10 Jahren immer schlechter, bis zu fast ausweglos schlecht.
Jetzt geht es dieser Person gut, sichtbar gut. Es gibt immer noch Aufs und Abs – mit der klaren Tendenz zu richtig gut.
Nun stehe ich einer Meinung gegenüber, bei der ich erstmal schlucken muss. Diese Aussage trifft mich direkt, obwohl sie wahrscheinlich gar nicht an mich persönlich gerichtet ist. Ich verfalle in einen inneren Rechtfertigungsmodus, fühle mich unverstanden.
Notiz an mich an dieser Stelle: Typisch ADHS – sofort persönlich genommen, sofort in auf Gegenwehr geschaltet.
Die Aussage, die dahinter steht:
Jeder Mensch hat ein Grundpotential, das er körperlich ausschöpfen könnte. Viele nutzen das nicht.
Wenn der Wille nicht da ist, kann man nicht viel erreichen. Und man sollte auch rechtzeitig anfangen. Je älter man wird, desto geringer werden die Chancen.
Ich denke schon, dass man Neurodivergenz, ADHS durchaus als Hinderungsgrund für so manches Problem in der eigenen Erfolgsgeschichte anführen darf. Auch denke ich, dass es bei körperlicher Arbeit einen großen Unterschied zur geistigen Arbeit gibt – besonders bei ADHS.
Dieser zeitliche Unterschied der Diagnose, ihre Akzeptanz im privaten Umfeld, die rechtzeitige Unterstützung und Förderung machen einen großen Unterschied.
Ich bin die Spätdiagnostizierte, die nie was auf die Reihe bekommen hat, die in einer Zeit Kind war, in der ADHS doch wirklich keinen Raum hatte, die aus emotionaler Sicht kein stabiles Elternhaus hatte.
Was mich im übrigen trauriger macht als andere verpasste Chancen:
Kreisläufe sind real. Ich war als Mutter nicht immer die, die ich sein wollte.
Und trotzdem möchte ich dagewesene Chancen nicht nachtrauern.
Ich möchte Chancen bieten und Unterstützung leisten.Stolz und glücklich sein.
Für einen ganz besonderen Menschen!
Dann gibt es noch dieses Wort Kompensation.
Man entwickelt über Jahre Strategien, um die ADHS-Schwierigkeiten zu überbrücken.
Ich habe kompensiert.
Ich habe Vermeidungsstrategien entwickelt, mir meine Lücken gesucht, die für mich das kleinere Übel darstellten, von denen ich aber überzeugt war, für die ich auch hart gekämpft habe.
Und damit habe ich Dinge erreicht, habe mein Leben gelebt, mein Leben gestaltet, wundervolle und glückliche Momente erlebt.
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