Wie sieht ADHS aus?

Ich habe mein ADHS über verschiedene Quellen herausgefunden.

Natürlich auch über Social Media — während Corona. Darüber bin ich hellhörig geworden. Der Grund: Vieles von dem, was dort gesagt und berichtet wurde, passte zu mir!  Manches ein bisschen, einiges aber auch gar nicht. Ich bin — wenn ich es will — sehr pünktlich. Und ich verlege und verliere so ziemlich nichts.

Dennoch war ich mir sicher. Denn ich habe es vererbt. Da gab es tatsächlich diese erhellende Frage einer Ärztin: Wo mein Nachwuchs es wohl herhaben könnte. Ansonsten war die Dame keinem von uns eine große Stütze.

Dann, nach einigen Jahren, beim nächsten Kind, kam kompetentes Fachpersonal hinzu — eine Kinderpsychiaterin, eine Ergotherapeutin. Und die sagten es mir auf den Kopf zu.

Dann hat es noch eine Weile gedauert, bis ich mich selbst diagnostizieren lassen wollte. Trotz der schlechten Prognosen, überhaupt einen Arzt zu finden,  habe ich vor einem Jahr angefangen, mich auf den Weg zu machen – und das im ADHS-Stil: mit allen Raffinessen, über Umwege, aber mit dem Willen, es durchzuziehen.

Seit Januar 2026 bin ich diagnostiziert und nehme Medikamente. Ein einschneidendes Erlebnis — aber das ist ein anderes Thema.

So war es bei mir.

Was ist mit jemand anderem?

Und das ist das Thema: Nicht jedes ADHS sieht gleich aus.

ADHS – ein Hype?

Es ist zu einem Hype geworden.

Nicht ADHS zu haben, sondern anderen darüber berichten zu wollen. Sie zu ermutigen, ihnen zu helfen, ihnen das Gefühl zu geben: Du bist nicht allein.

Das ist grundsätzlich gut. Entstigmatisierung passiert genau so.

Vergleiche wie: „Du hast bestimmt auch das Gefühl, dass…“, „Wenn du ADHS hast, kennst du sicher…“ oder: „5 Dinge, die ADHSler tun.“

Diese Posts sprechen aus Erfahrung. Die Menschen dahinter wissen, wie es ist, mit ADHS zu leben — ihrer Version von ADHS. Sie möchten aufklären, möchten, dass andere sich weniger alleine fühlen. Das ist eine schöne Absicht.

Aber ADHS ist keine einheitliche Erfahrung. Es gibt Menschen, bei denen Hyperaktivität im Vordergrund steht. Andere kämpfen vor allem mit innerer Unruhe — am ganzen Körper — und von außen nicht sichtbar.

Es gibt derzeit viele Spätdiagnostizierte auf Social Media. Sie haben oft Jahrzehnte damit verbracht, Strategien zu entwickeln, um ihre vermeintlichen Schwächen zu verbergen oder zu überspielen.

Sie haben funktioniert, haben Erfolg gehabt, etwas in ihrem Leben erreicht. Manche. 

Passen die zu diesen Posts? Manche.

Und was ist mit denen, die gerade erst eine Ahnung entwickeln? Fühlen die sich vom Algorithmus angesprochen — oder scrollen sie weiter?

Da liegt das Problem. Wer sich in diesen Beschreibungen nicht wiederkennt denkt nicht: „Ah, ADHS ist eben individuell.“ Wer sich nicht wiedererkennt denkt vielleicht: „Ich hab das wohl doch nicht.“

Was ist mit Fragebögen? Die passen auch nicht für alle.

Hat man endlich einen Arzt gefunden, der einen diagnostiziert, füllt man Fragebögen aus. Auch da gibt es „nur“ eine bestimmte Auswahl an Fragen.

Für mich mit 53, und mit vielen Umzügen in meiner Kindheit, war es schwer, die Fragen zur Kindheit zu beantworten. Oft hört man, es seien Grundschulzeugnisse verlangt worden. Bei mir nicht. Wo die sind, weiß ich noch nicht mal. Darin hätte sich auch kein ADHS finden lassen.

Bei anderen werden Eltern und weitere Familienmitglieder hinzugezogen — wahrscheinlich ebenfalls mit Fragebögen. Bei mir nicht.

Ich habe ein MRT, ein EKG, ein EEG und ein Blutbild vorgewiesen. Aber eher zum Ausschluss anderer organische Erkrankungen, die auch Unaufmerksamkeit, Vergesslichkeit und Müdigkeit auslösen können. Im Wesentlichen also eine Ausschlussdiagnostik.

Es gibt keinen Bluttest, keinen Scan, der sagt: Das ist ADHS.

Fragebögen verallgemeinern auch. Sie sind Raster — und kein Raster passt auf jeden Menschen gleich gut. Wer seine Symptome jahrzehntelang kompensiert hat, füllt so einen Bogen vielleicht anders aus als jemand, der in vollem Wissen mit ADHS lebt. Wer gelernt hat, Strukturen von außen zu bauen — Kalender, Routinen, Erinnerungs-Alarme — wird auf die Frage „Haben Sie Schwierigkeiten, sich zu organisieren?“ vielleicht ehrlich mit „manchmal“ antworten. Und nicht mit dem „ständig und seit immer“, das irgendwo tiefer steckt.

Was macht den Unterschied?

Beide verallgemeinern also — der Social-Media-Post und der Fragebogen. Aber sie tun es auf grundlegend verschiedene Weisen.

Ein Post erzählt eine persönliche Geschichte. Der zufällig Angesprochene ist allein damit — und zieht daraus vielleicht Schlüsse, die der Autor nie beabsichtigt hat.

Ein Fragebogen in der Hand einer Fachärztin oder eines Facharztes ist etwas anderes. Ein Psychiater weiss diese Antworten einzuordnen. Er fragt nach, er ergänzt, er schaut auf das Gesamtbild. Die Zahlen auf dem Bogen sind ein Ausgangspunkt auf dem Weg zum Ergebnis. 

Das macht das Diagnosesystem nicht perfekt.  Aber es ist eben ein Unterschied, ob jemand mit einer Ausbildung und einem Auftrag zum Wohl des Patienten urteilt, oder ob jemand aus der eigenen gelebten Erfahrung heraus erzählt.

Und nun?

Keine Abschaffung dieser Posts. Keine Kritik an denen, die diese Posts schreiben. Sie helfen vielen — das ist echt.

Aber vielleicht wäre es manchmal gut, einen einzigen Satz hinzuzufügen: Das ist mein ADHS. Deins sieht vielleicht ganz anders aus.

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